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Fahrt nach Gurs, Bericht von Hans Martin Mumm

Dieser Bericht wurde im Auftrag der Heidelberger Delegation von mir geschrieben und von allen Delegationsteilmehmern frei gegeben. Das Stadtblatt hat am 12. 11. 2015 einen völlig anderen und flachen Bericht gebracht.

Bericht über die Reise zur Gedenkveranstaltung vom 25./26. Oktober 2015 in Gurs

Am 22. Oktober 2015 jährte sich zum 75. Mal die Erinnerung an die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Baden und der Saar-Pfalz in das französische Gurs. Aus diesem Anlass kamen in dem kleinen Ort am Rand der Pyrenäen Delegationen aus badischen Städten und pfälzischen Bezirksverbänden zusammen, um gemeinsam mit Offiziellen der französischen Seite und Vertretern der jüdischen Gemeinden an die Ereignisse vor 75 Jahren zu erinnern. Aus Heidelberg nahmen Bürgermeister Hans-Jürgen Heiß, Stadträtin Dr. Simone Schenk sowie die Stadträte Dr. Jan Gradel, Michael Rochlitz und Hans-Martin Mumm teil.

Von dem Lager Gurs steht nichts mehr, eine rekonstruierte Baracke lässt die Entbehrungen der Lagerzeit ahnen. Der benachbarte Friedhof ist der eigentliche Gedenkort. Von den 6.500 Lagerinsassen sind 1073 in Gurs gestorben, die Übrigen wurden entweder in die Todeslager im Osten transportiert oder konnten sich retten. Etwa 600 Grabsteine sind inzwischen in Gurs aufgestellt worden, und es wird noch etwas dauern, bis alle Namen und Lebensdaten erfasst sein werden. Mehrfach ist auf den Steinen „Heidelberg“ zu lesen, damit ist aber der Geburtsort und nicht der Wohnort von 1940 gemeint.

Parallel zu der offiziellen Delegation nahmen auch 38 Jugendliche an der Gedenkveranstaltung teil; sie waren eingeladen, sich mit französischen Jugendlichen auszutauschen und insbesondere die drei Zeitzeugen zu befragen. Auch Jugendliche aus Heidelberg waren dabei.
Der Auftritt der drei Zeitzeugen war ohne Zweifel der Höhepunkt der beiden Tage. Sowohl in ihren Reden auf dem Friedhof als auch in der Gesprächsveranstaltung am Folgetag schilderten Eva Mendelsson, Margot Wicki-Schwarzschild und Paul Niedermanns, wie sie als Kinder nach Gurs verschleppt wurden. Deutlich wurde das Ausmaß der gewaltsamen Entzivilisierung: keine Betten, kein Essgeschirr, Auftrennung der Familien. Deutlich wurde ebenfalls der starke Überlebenswille, der ihnen Wege aus dem Lager ermöglichte. Nicht zur Sprache kam, dass in den Vertreibungsorten die Habseligkeiten der Deportierten öffentlich versteigert wurden: Viele haben davon profitiert und alle haben es gewusst. Für Heidelberg ist dieser Vorgang historisch noch gar nicht aufgearbeitet. Alle drei Zeitzeugen – sie leben jetzt nicht mehr in Deutschland – zeigten keinen Hass auf diejenigen, die sie damals gepeinigt hatten. Einig waren sie in ihrem Appell, dass es nie wieder Ausgrenzung und Rassenhass geben darf.

Der Dichter Alfred Mombert gehörte zu denjenigen, die 1940 aus Heidelberg nach Gurs deportiert wurden. Schweizer Freunde kauften den Krebskranken 1941 frei. In Gurs formulierte er, seine hermetische Sprache verlassend, unter der Überschrift „Baracken-Winter-Finsternis“ einen Fluch auf die Schergen des Unheils:
„Chaos-Kot – dem Morast des Todes entkrochener eitriger Drachen –
wälztest heran an meinen kastilischen Quell –
vor der erglühten Götter-Burg
jauchst du um meinen Garten der Hesperiden –
– Die Geisel dir! – dir Fraß – und dann Feuer! –“