GAL bei „Friiling uffm Willi“

„Auch wenn das nasskalte Wetter nachmittags viele Besucher vergraulte: Die GAL war wieder vertreten beim diesjährigen „Friiling uffm Willi“, dem alljährlichen Frühlingsfest in der Weststadt. Hündin Mimi enthielt sich zwar politischer Äußerungen, verstand es aber, den ein oder den anderen politisch Interessierten zu unserem Info-Stand zu lotsen. Dass neben Umweltorganisationen, demokratischen Parteien und Listen und diversen anderen Verbänden auch Putin-Trolle der Organisation „Druschba“ vertreten waren, stieß bei manchen Besuchern und Standbetreibern allerdings auf Verwunderung.“

Gerd Guntermann

Zusammenlegung von Fritz- Gabler- Hotelfachschule und Marie-Baum-Schule? Vorsicht vor dem Phyrrussieg…

Am 30.04.1925 feierte die Fritz-Gabler-Hotelfachschule ihre Eröffnung und ging mit 57 Schülerinnen und Schülern an den Start. Heute bildet die Schule im Rahmen eines Weiterbildungsprogramms die Bildungsgänge Gastronomie, Hotelbetriebswirtschaft und Hotelmanagement, als auch Sommelier – und ist laut heidelberg.de die „einzige Fachschule ihrer Art“.

Diese Schule, die sogar eine Bombardierung überlebte und mehrmals umzog, die ihre Geschichte und Traditionen mit bis ins Jahr 2023 nahm und somit fast ihr 100jähriges Bestehen feiern könnte, soll nun ausgerechnet zum Schuljahr 2024 / 25 in dieser Form gar nicht weiter existieren.

In Beschlussvorlage 0174/2023/BV (nachzulesen unter Punkt Ö2) wird vorgeschlagen, die Fritz-Gabler-Schule mit der Marie-Baum Schule zusammenzulegen. Aus ökonomischen Gründen: „An der Fritz-Gabler-Schule Heidelberg kam es in den letzten Jahren zu einem massiven Rückgang der Schülerzahlen. So konnten im aktuellen Schuljahr nur noch zwei Eingangsklassen in der Fachschule gebildet werden. Eine Fusion mit der Marie-Baum-Schule sorgt dafür, dass die Bildungsgänge beider Schulen zukunftsfähig in der Stadt Heidelberg verortet bleiben.“

„In den letzten Jahren“ liest sich wie ein langer Zeitraum. Dennoch erscheint dieser Lösungsvorschlag recht schnell zu kommen. Die Frage tut sich auf, ob alternative Lösungswege erschöpfend gesucht wurden. Wurde bereits ausreichend recherchiert, warum die Schülerzahlen nachlassen? Wie könnte man dem entgegenwirken? Handelt es sich überhaupt um einen langfristigen Trend? Wäre es möglich, der Schule ggf. zu helfen, zunächst alternative Lösungen zu finden; wie z.B. die Mitnutzung des eigenen Gebäudes durch andere Institutionen / Vereine, die Beschäftigung eigener Lehrkräfte auch an anderen Schulen, ggf. zeitlich befristete Depudatsreduzierungen unter Anpassung auf den aktuellen Bedarf,…. Zudem fehlt eine Gegenüberstellung der aktuell laufenden Ausgaben im Vergleich zu konkreten Einsparungen nach einer Fusion – um an dieser Stelle ebenfalls bei der rein ökonomischen Betrachtungsweise zu bleiben.

Eine renommierte, fast 100jährige Schule zur Fusion „anzubieten“, ist das möglich?

Ja, es ist möglich, wenn man diese Schule auf ihre wirtschaftliche Funktion reduziert und ihren Wert als Trägerin von Kultur und Geschichte verkennt. Identitäten lassen sich beim Fusionieren nicht erhalten; mindestens Teilaspekte gehen hierbei verloren. Gerade im Ausschuss für Kultur und Bildung sollten die handelnden Akteure für diese Empfindsamkeiten sensibel sein, und nicht nur emotionale Aussagen in RNZ-Artikeln kritisieren, sondern deren Kern wahrnehmen. Die Fritz-Gabler-Schule ist wohlbemerkt nicht irgendeine „kaufmännische Schule“, sondern die älteste Hotelfachschule deutschlandweit, mit einer langen Geschichte und einem großen Einzugskreis.

Der Fokus auf ökonomische Aspekte oder auf die Belange der Schulen war in der bisherigen Diskussion im Ausschuss erkennbar; viele Fragen zur mit der Schule verbundenen Kultur und Geschichte lassen sich leider noch vermissen. Ebenso im Übrigen die Belange des Stadtteils Boxberg, dem Standort der Hotelfachschule.

Der Boxberg – einer der naturräumlich schönsten Stadtteile Heidelbergs – hat bereits jetzt mit sinkenden Immobilienpreisen und einer Wertabnahme im Vergleich zum Realwert von Grund und Boden zu schaffen. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, und hierbei spielen vorhandene Institutionen, Außenwahrnehmung und Stadtteilimage eine ganz entscheidende Rolle. Je wenige Akteure es gibt, umso mehr kommt es auf jeden Einzelnen an.

Durch stattgefundene allgemeine Zentralisierungsprozesse kam es auch im Boxberg zu einer Abwanderung und somit Entleerung. Einige wenige Akteure halten Besucherströme und Attraktivität des Stadtteils aufrecht, wie z.B. Einrichtungen im „Iduna-Center“, die Waldparkschule, der Stadtteilverein, das Seniorenzentrum, das Jugendzentrum Holzwurm, die Kirchengemeinden und natürlich auch die Hotelfachschule. Aktuell lässt sich noch sagen: „Die älteste Hotelfachschule Deutschlands steht im Boxberg!“  Würde die Fritz-Gabler-Schule durch eine Fusionierung zu viel ihrer eigenen Identität einbüßen, würde eine der Perlen des Stadtteils und somit auch der Stadtteil selbst einen Attraktivitätsverlust hinnehmen müssen.

Und wie viel Identitätsverlust ist „zu viel“? Um das beurteilen zu können, müsste die Fusionsidee in der Vorlage etwas konkreter sein. Bis jetzt ist sie das nicht. In der Beschlussvorlage ist zuerst von einer „Zusammenlegung“ die Rede; aber unter Punkt 2.1 ist zu lesen: „Die Fritz-Gabler-Schule soll formal aufgelöst und alle ihre Bildungsgänge an die Marie-Baum-Schule übertragen werden.“ Dabei sollen jedoch der „Markenkern“ und die „Attraktivität“ der Hotelfachschule erhalten werden, wie es unter Punkt 2.3 steht. Wie realistisch ist das, wenn sogar noch weitere Schulen mit gedacht werden: Julius-Springer-Schule und Willy-Hellpach-Schule, die einzelne Bildungsbereiche mit in die neu zusammengelegte Schule bringen sollen. Alles gepackt, geschüttelt und neu aufgestellt. Wie viel Fritz-Gabler-Schule bleibt denn dabei am Ende übrig?

Von Seiten der Gemeinderät*innen wurde gewünscht, dass der Name „Fritz-Gabler-Schule“ beibehalten werden solle, „da die Hotelfachschule internationales Renommee genieße.“ (nachzulesen in der Diskussion der Vorlage). Ein dankenswerter Wunsch. Aber ist die Beibehaltung des Namens sowie der Schule in ihrer jetzigen Form unter den genannten Rahmenbedingungen überhaupt realistisch? Oder wird im Laufe der Gremienläufe und Diskussionen und dem bisherigen starken Fokus auf Rentabilität und schwarze Zahlen schließlich die älteste Hotelfachschule Deutschlands auf dem Altar der Wirtschaftlichkeit geopfert?

Da auch der Ausschuss mit dem bislang vorgelegten, wenig konkreten Konzept nicht zufrieden war, veranlasste er eine Vertagung mit Arbeitsauftrag an die Verwaltung. U. A. wurde auch gewünscht, dass (alle) Schulleitungen anwesend sind. Bleibt zu hoffen, dass im kommenden Gremienlauf im Juli 2023 (Ausschuss für Kultur und Bildung – Haupt- und Finanzausschuss – Gemeinderat) den Interessen des Stadtteils Boxberg als auch dem Kulturerhalt ein viel größerer Raum einnehmen wird und ggf. auch Sachverständige zu diesen Themen hinzugezogen werden. Es geht dabei auch nicht darum, Unrentables mit aller Gewalt erhalten, sondern alle Teilaspekte gedanklich mit aufzunehmen und ein geistig-kulturelles Erbe mit angemessener Bewusstheit zu behandeln. Diese Aspekte sind ebenso wichtig wie die Interessen der Schulen und die schwarzen Zahlen.

Fritz Gabler wird es uns danken.

Dorothea Malik

Aus der Rhein-Neckar-Zeitung vom 25. Mai 2023, Seite 3

 

Thesen zum Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) von Hans-Martin Mumm

Thesen zum Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE)

1. Die Befürworter des BGE heben auf die Entkoppelung von Arbeit und Lebensunter­halt ab: Arbeit wäre nicht mehr Zwang, sondern werde freiwillig geleistet. Die Folgen für Arbeitsmarkt, Entgeltstrukturen und betriebliche Hierarchien wären weitreichend.

2. Die Diskussion um das Für und Wider dreht sich hauptsächlich um die sozialpsycho­logische Frage, ob mit dem BGE noch hinreichende Anreize bestünden, eine Arbeit aufzunehmen. Volkswirtschaftlich hat der Steuersatz auf das Arbeitseinkommen dabei eine Schlüsselrolle. Zur Gegenfinanzierung des BGE müsste der Steuersatz deutlich angehoben werden.

3. Zur Einführung des BGE soll der Sozialetat herangezogen werden: Die Summe aus den Leistungen der gesetzlichen Versicherungen, Sozialhilfe, Kindergeld und dgl. Er­gänzend müsste auch die Besteuerung erhöht werden. Als Nebeneffekt ergäbe sich bei den Versicherungen und den Sozialämtern ein enormer Bürokratieabbau.

4. Eine Überschlagsrechnung ergibt (Basis 2015): Wenn 80 Mio. Anspruchsberechtigte monatlich 1000 € bekämen, ergäbe das ein Volumen von 960 Mrd. € im Jahr. Dem steht ein Sozialbudget von 888 Mrd. € gegenüber. Für die Differenz von 72 Mrd. € müsste die Steuerlast lediglich um 2,5 % erhöht werden. 1000 € reichen aber zur Existenzsicherung nicht aus; realistisch wäre ein Betrag von 1.500 € im Monat. Dafür müsste der Steuersatz angehoben werden; diskutiert werden verschiedene Modelle: Anhebung der der Progression auf 70 % oder ein einheitlicher Hebesatz von 50 %.

5. Wo umverteilt wird, gibt es Gewinne und Verluste. Vom BGE profitieren würden kinderreiche Familien, Rentnerinnen, Menschen außerhalb der Sozialsysteme, z.B. Obdachlose, sowie Beamte und vermögende Selbstständige. Umgekehrt könnten alle mit volatilem Einkommen – Arbeitslose, Beschäftigte in Kurzarbeit, Kranke, Behinderte etc. – die Leistungen des BGE nicht konsumieren, sondern müssten Rücklagen bilden zum Ausgleich der entfallenen Lohnersatzzahlungen. Bisherige Hartz-IV-Abhängige müssten sich bei Zuverdiensten nichts mehr abziehen lassen, würden also an Freiheit gewinnen; allerdings käme es in Ballungsgebieten zu Verlusten, weil die Wohnungs­kosten nicht mehr übernommen würden. Am schärfsten würde sich die Entkoppelung der Transferleistungen von den individuellen Einkommen auf die Altersrenten auswir­ken. Abgesehen von Betriebsrenten wären alle, die aus dem Erwerbsleben ausschei­den, auf die Leistungen des BGE angewiesen. Viele Frauen beziehen nur Minirenten, die aufgebessert würden; bezogen auf die Haushaltseinkommen dürften die Verluste die Gewinne aber übersteigen. Gar nicht zu denken ist an die Beamtenpensionen. Grundsätzlich zu beachten ist, dass die Sozialversicherungen entfallen würden und al­lermindest die Krankenversicherung aus dem BGE zu bezahlen wäre.

6. Die Hauptidee de BGE ist, Sozialleistungen nicht von Bedürftigkeit abhängig zu ma­chen. Abgesehen davon, dass damit das Leben grundsätzlich zum Lotteriespiel würde, sind Tausende von Fällen absehbar, in denen das BGE nicht reichen wird: Heimun­terbringung von Kindern und Behinderten, Pflegefälle, aufwändige Operationen und Therapien etc. Erforderlich wären Härtefallregelungen, die neue Etats und wieder eine Bürokratie von Beamten, Ärztinnen und Entscheidern erfordern würden.

7. Es liegt in der Logik des BGE, dass der Wegfall der gesetzlichen private Versiche­rungen hervorbringt. Wer verantwortlich mit seinem Leben umgeht, würde sich weiter­hin gegen Krankheit, Pflegefall, Arbeitslosigkeit und zur Altersversorgung versichern wollen. Die Prämien dafür würden die Leistungen des BGE weitgehend verbrauchen, zumal die bisherigen Arbeitgeberanteile wegfielen. Da die neuen Versicherungen frei­willig wären, blieben zahllose Einzelschicksale, für die die Leistungen des BGE nicht ausreichen würden. Vom Versprechen des Bürokratieabbaus bliebe nicht viel übrig.

8. Der Einführung eines BGE stehen unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen:
> Eine Einführung in Etappen ist ausgeschlossen.
> Der Widerstand in Teilen der Gesellschaft wäre unkalkulierbar groß.
> Die Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung sind völlig unklar.
> Der individuelle Rechtsanspruch auf die bestehende Altersversorgung würde eine Übergangsfrist von fünf Jahrzehnten erfordern; eine Zwischenfinanzierung hätte eine dramatische Staatsverschuldung zur Folge.

9. In einer Zeit, in der Individualisierung und Entsolidarisierung starke Trends gewor­den sind, enthält die Forderung nach einem BGE ein großes Heilsversprechen: Die Entkoppelung von Lebensunterhalt und Arbeit böte mehr Freiheit und die Entkoppe­lung von Transferleistungen und Bedürftigkeit mehr Gerechtigkeit. Mein Anliegen war es zu zeigen, dass diese Rechnung nicht aufgeht.

10. Zum Schluss ein Zitat von Georg Cremer, VWL-Professor in Freiburg und langjäh­riger Generalsekretär der Caritas:
„Der vielleicht problematischste Aspekt der Debatte um das bedingungslose Grundein­kommen ist die Diskreditierung des heutigen Sozialstaats. Wer meint, alle Probleme lösten sich mit dem Grundeinkommen, verabschiedet sich aus dem Dialog zur prakti­schen Sozialpolitik. … Die Wünsche nach mehr Freiraum für Kreativität, nach sinnstif­tender Arbeit und wertschätzenden Arbeitsbedingungen, nach Raum für Versuch und Irrtum sollten wir ernst nehmen. … All dies sind wichtige Anliegen für eine lebensdienli­che Wirtschafts- und Sozialordnung. Aber auch hier kommen wir einer Lösung nur näher durch gangbare Schritte der zähen reformerischen Alltagsarbeit.“

Zum Weiterlesen: Das bedingungslose Grundeinkommen. Zum Für und Wider eines gesellschaftspoliti­schen Reformkonzepts. Mit Beiträgen von Thomas Straubhaar und Georg Cremer, mit Interviews mit Korbinian von Blanckenburg und Dominik H. Enste, hg. vom Roman-Herzog-Institut, München 2019. Das Zitat dort S. 25.

Hans-Martin Mumm, Knösel, November 2019

Debatte – Wo ist Bergheims Mitte?

Jahresauftaktveranstaltung des Stadtteilvereins Bergheim
4. April 2019, Dezernat 16
Festrede von Stadtrat Hans-Martin Mumm zum Thema „1250 Jahre Bergheim“, Schlusskapitel

IV. Bergheim fehlt eine Mitte
Wenn wir uns Heidelberg als eine Wohnung vorstellen, dann wäre die Altstadt die Studierstube; Weststadt und Neuenheim Wohn- und Schlafzimmer, Handschuhsheim der Blumengarten und der Pfaffengrund die Werkstatt. Und Bergheim? Bergheim wäre die Diele, der Flur mit vielen Türen in andere Zimmer, gedacht lediglich zur Passage.
Das neuzeitliche Bergheim begann 1840 mit der Eisenbahn, ergänzt 1885 um die Pferdebahn mit ihren Stallungen, 1902 dann um die elektrische Straßenbahn mit dem Depot. Zwei Brücken und ein Steg führen über den Neckar, eine dritte Brücke ist wieder verschwunden. Im Westen mündet die Autobahn, die Bergheimer Straße verlor ihre Vorgärten, um den vermehrten Verkehr aufzunehmen. In den 1960er Jahren wurden die Uferstraßen autogerecht ausgebaut. Und auch für die angedachte Fahrradbrücke ins Neuenheimer Feld ist Bergheim nur ein Verkehrshindernis.
Wenn Sie den Eindruck haben, ich übertreibe hier etwas, dann täuschen Sie sich nicht ganz. Gerne zähle ich dagegen auf, welche lohnenden Ziele hier angesiedelt sind. Das fing einmal an mit drei Bädern, von denen es das Thermalbad heute noch gibt. Dazu gehört inzwischen eine große Zahl von Bildungs- und Kultureinrichtungen: Stadtbücherei, Volkshochschule, Kulturfenster, Akademie für Ältere, Täter-Theater, Sammlung Prinzhorn sowie die Musik- und Singschule. Das jüngste Glied in dieser Reihe ist das Multifunktionshaus des Dezernats 16, dessen Gastfreundschaft wir heute genießen.
Dem Stadtteil Bergheim fehlt es nicht an lohnenden Zielen, sondern an einer städtebaulichen Mitte. Seit dem Bau der Bahnstadt ist Bergheim stärker in die Mitte der Stadt gerückt, sodass der Mangel einer eigenen Mitte noch deutlicher zu spüren ist. Der Alfons-Beil-Platz, vor über 100 Jahren als Messplatz angelegt, kann heute keine Mittelpunktfunktion erfüllen, trotz seiner Lage an der Bergheimer Hauptkirche. Dem Römerplatz vor der ehemaligen Krehl-Klinik fehlt es an verkehrsfreiem Raum, den eine Mitte haben müsste. Ob der vom Gemeinderat angedachte Park auf dem Gelände des heutigen Betriebshofs diese Aufgabe erfüllen könnte, ist genau abzuwägen. Bergheim ist langgestreckt, und eine Mitte sollte möglichst mittig liegen. Außerdem ist für die Zukunft des Betriebshofs zunächst der Ausgang des Bürgerentscheids abzuwarten. Am ehesten geeignet wäre der Park bei der Stadtbücherei; dort fehlt es allerdings heute an ausreichenden Angeboten des Einzelhandels und der Gastronomie.

V. Perspektiven
Bergheim ist der Stadtteil, der sich in den vergangenen 30 Jahren am stärksten verändert hat. Dieser Prozess geht in hohem Tempo weiter. Lassen sie mich zum Abschluss vier Bereiche dieser Veränderung nennen, auf die Sie als Bergheimerinnen und Bergheimer nicht nur besonders achten, sondern in deren Gestaltung Sie sich aktiv einmischen müssen.
A Der Umzug des Klinikums ist nahezu abgeschlossen. Anfänglich war die Universität entschlossen, einen Gutteil ihrer Immobilien zu veräußern. Stadtverwaltung und Gemeinderat standen diesen Privatisierungen skeptisch gegenüber. Es ist ja nicht so, wie oft polemisch behauptet wird, dass die Stadt die Universität in ihrem Wachstum behindern wolle; die Frage ist stets, wo und unter welchen Bedingungen. Mittlerweile hat die Universität den Campus Bergheim ausgerufen mit den Wirtschafts- und Asienwissenschaften als neuem Schwerpunkt. Seither bevölkern junge Menschen das Stadtbild, die Kneipenszene hat sich bereits angepasst, und die Gentrifizierung schreitet voran. Belastbare Zahlen liegen mir nicht vor; es ist aber davon auszugehen, dass in Bergheim-Ost der Druck auf den Wohnungsmarkt rapide steigt. Dagegen ist die Stadt, die dort keinen nennenswerten Grundbesitz hat, ziemlich machtlos; ein Ausgleich kann deshalb nur in Bergheim-West erfolgen. Jede städtebauliche Aufwertung hat einen hohen sozialen Preis.
B Zur aktuellen Frage des Standorts des Straßenbahnbetriebshofs und der Bebauung des Großen Ochsenkopfs will ich mich heute Abend ganz zurückhalten. Nachdem die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt sind, wird der Gemeinderat den Bürgerentscheid beschließen. Ich will Sie nur bitten, bei Ihrer Entscheidung die Belange des Umwelt- und Naturschutzes gleichrangig mit denen des Öffentlichen Nahverkehrs zu betrachten. Auch der Umstieg auf Bahnen und Busse nützt der Natur und dem Klima. Und dazu braucht es eine Betriebsstätte, die möglichst zentral gelegen ist.
C Vorgestern wurde im Bau- und Umweltausschuss des Gemeinderats die Studie des Stadtplanungsamts „Neckarorte“ vorgestellt. Das Konzept zur Erschließung des südlichen Neckarufers geht auf eine Anregung der Heidelberger Architektenkammer zurück. Gerade für Bergheim werden dort sehr präzise Anregungen für Fuß- und Radwege am Ufer formuliert. Im Detail ist allerdings noch manches offen. Gerade darum ist die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger von besonderer Bedeutung.
D Eher im Stillen verläuft momentan der Planungsprozess für das Gebiet zwischen Kurfürstenanlage und Alter Eppelheimer Straße. Mit dem Wegzug der Druckmaschinen und der Rochade der Stadtwerke in das bisherige Forschungszentrum der Druckmaschinen wird ein Kernareal bisheriger gewerblicher Nutzung für neue Zwecke frei. Was immer dort an Mischung aus Gewerbe und Wohnen realisiert werden könnte, muss sich messen lassen an den Erfordernissen der Durchlässigkeit und der Öffnung Bergheims nach Süden. Zu prüfen wird auch sein, ob nicht genau dort die neue Mitte Bergheims entstehen könnte.
Meine Damen und Herren, sie waren ein aufmerksames Publikum. Wenn sie mögen, dürfen sie zum Abschluss jetzt applaudieren.

Debatte – Bürgerbegehren zum Großen Ochsenkopf

Warum ich das Bürgerbegehren zum Großen Ochsenkopf problematisch finde:

Dieser Tage fragte mich mein Apotheker, ob ich schon für den Großen Ochsenkopf unterschrieben habe. „Ich denke noch darüber nach. Ich würde gerne wissen, wohin dann der Betriebshof kommt.“ „Aufs Air-Field natürlich“, war die Antwort. In der öffentlichen Wahrnehmung klebt der ehemalige Flugplatz offenbar als Alternativstandort fest an dem Bürgerbegehren, auch wenn das nicht in der Absicht der Initiative liegt. Der Begründungstext nennt ausdrücklich die Vorteile der jetzigen Lage des Betriebshofs, für die die GAL bis zum Schluss im Gemeinderat gestimmt hat. Uns war dabei bewusst, dass unsere Haltung nicht populär ist, dafür aber völlig sachgerecht. In dem Text wird dann aber auch das ehemalige Air-Field als möglicher Standort genannt.
Den Antrag, den Betriebshof auf das Air-Field zu verlegen, hatten die Grünen gestellt, nachdem sich ihre Gemeinderatsfraktion nicht auf eines der beiden Bergheimer Areale einigen konnte. Damit wäre dem Öffentlichen Nahverkehr ein Bärendienst erwiesen worden: zusätzliche Investitionen für die Gleisverbindung, täglich erheblich längere Leerfahrten und ein längerer Planungsvorlauf. Diese Mehrkosten sind ja nicht nur in Euro zu bemessen, sondern auch in vermehrten CO2-Emissionen und sinkender Attraktivität des ÖPNV. Und die Straßenbahn nach Schwetzingen fährt am besten über die Kirchheimer Strecke.
Meine Sorge ist, dass die Förderung des Öffentlichen Verkehrs unter einer erfolgreichen Ochsenkopf-Kampagne Schaden nimmt. Eine Mehrheit im Bürgerentscheid würde den Beschluss für einen neuen Betriebshof um – sagen wir – ein weiteres Jahr verschieben. Das allein wäre schon ein Grizzly-Bärendienst für den ÖPNV. Ein Verbleib am alten Standort wäre dann so wenig wahrscheinlich wie nach dem jetzigen Gemeinderatsbeschluss. Die CDU war ja im Vorfeld bereits einen kurzen Moment lang bereit gewesen, der grünen Position zu folgen.
Die gesetzlichen Grundlagen erlauben für Bürgerentscheide nur eine einzige Fragestellung. Von daher war eine Verbindung des Schutzes des Großen Ochsenkopfs mit dem Verbleib des Betriebshofs rechtlich nicht möglich. Die Fragestellung hätte aber auch lauten können: „Sind Sie dafür, dass der Betriebshof am bisherige Standort neu gebaut wird?“ Diese Fragestellung hätte dieselbe Stoßrichtung, aber vermutlich weit weniger Aussicht auf Erfolg gehabt. Und genau da liegt das Problem.
Dem Bürgerbegehren liegt eine eindeutige Priorisierung zugrunde: Biotop first, ÖPNV second. Die relative Gleichgültigkeit in der Standortfrage ist der gesamten Kampagne inhä-rent. Die Episode mit meinem Apotheker bestätigt das. Das hat auch die Initiative gespürt und sich in ihrem Text zum ÖPNV bekannt. Entscheidend ist aber der Akzent, den die Fragestellung selbst setzt. Wer wie ich beide Ziele – Grünflächenschutz und Verkehrswende – für gleichrangig hält, muss abwägen und prüfen, welche Kollaterialfolgen eine Kampagne hat. Manchmal kann die Lösung auch darin bestehen, eine Niederlage hinzunehmen. Eine solche abwägende Diskussion hat mich nicht erreicht, und auch die GAL hat sie nicht geführt. Meine Unterschrift wird daher auf den Listen fehlen.

Hans-Martin Mumm, 4. Februar 2019

 

Warum auch ich das Bürgerbegehren zum Großen Ochsenkopf befördere:

Die GAL hat sich bei der Abstimmung im Gemeinderat richtig verhalten: pro Verbleib des Betriebshofs auf der bisherigen (und nach W erweiterbaren) Fläche, pro Erhalt des Naturareals auf dem Alten Ochsenkopf mit seinem (laut städtischem Gutachten!!!) hohen klimatischen Wert, aber auch gleichzeitig mit seiner großen Bandbreite an Biodiversität.
Global denken, in Heidelberg handeln: in Zeiten einer Klimakrise mit zunehmend katastrophalen Folgen und einer gigantischen Dezimierung des Artenspektrums auch vor Ort ist die Zerstörung solcher Flächen nicht verantwortbar. Heidelberg hat sich den Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben – und spricht ihm in der Praxis Hohn.

Beim Bürgerbegehren für den Erhalt des Großen Ochsenkopfs geht es nicht um die Priorisierung eines Biotops zuungunsten des ÖPNV. Es geht darum, das eine zu tun und das andere nicht zu lassen. Das Airfield als Standort für einen Betriebshof anzudenken, ist eine von den „Grünen“ generierte Illusion. Das Bürgerbegehren bietet die Chance, die Niederlage des Umweltschutzes und eines vernünftigen ÖPNV-Konzepts mit einem zentralen Betriebshof umzukehren.
Eine andere Fragen-Formulierung wie im Bürgerbegehren war aus formal-juristischen Gründen nicht möglich.
Ich hoffe, dass es erfolgreich ist und zu einem erfolgreichen Bürgerentscheid im Sinne des GAL-Votums im Gemeinderat führt.

Gerd Guntermann, 10. Februar 2019

 

Ihr Lieben,
ich stimme Hans-Martin zu. Wenn der Bürgerentscheid durchgehen sollte, würde die Diskussion Standort Betriebshof wieder von vorne anfangen und das kann ich als RNV-Aufsichtsrat und Noch-Mitarbeiter nicht unterstützen. Noch mal jahrelanges Suchen und dann? Wenn der Bürgerentscheid einen neuen Standort vorschlagen würde und darüber abgestimmt werden würde, wäre das evtl. was anderes, z.B. kein RNV-Standort auf der Ochsenkopfwiese sondern am alten Standort.
Wenn schon Bürgerentscheid, dann sollen die Bürger über den Standort abstimmen.
Gruß Ernest

Von Ernest Kellner

Debatte

Ankunftszentrum PHV / Wolfsgärten: Austausch zwischen Jörg-Schmidt-Rohr und Judith Marggraf

Am 23.01.2019 schrieb Jörg Schmidt-Rohr:

Hallo,
als jemand, der seit 20 Jahren im Flüchtlingsbereich tätig ist, wollte ich euch – vor allem morgen zur Sitzung – noch ein paar Infos geben.
Vorab – ich habe viele Bedenken gegen den Standort, auch der Neubau eines Zentrums/Lagers ist bedenklich. Aber ich finde es nicht eine tatsächliche riesige Katastrophe, es ist eher das „symbolische“ örtliche Abschieben.
Zu den Fakten und meinen Thesen:

  1. Flüchtlinge werden eher länger als kürzer im Ankunftszentrum bleiben. 6–8 Wochen sind der Durchschnitt, manche leben dort Monate, andere Tage. Die Tendenz geht zu länger, weil die Aufenthaltsdauer für diejenigen, die keine Bleibeperspektive haben oder aus sicheren Herkunftsstaaten kommen eh in Lagern sein soll. Das steht zum Teil schon im Gesetz und ist eine sich verstärkende Tendenz.
  2. Integration ist eine schöne Idee, tatsächlich darf in die Lager niemand so einfach rein. Die Bewohner dürfen raus (noch), aber Besucher müssen eine ziemliche Prozedur über sich ergehen lassen. Das ist in allen Landesaufnahmestellen so. Und das wird sicher nicht besser, Zäune Einlasskontrollen – eine andere Lagerwelt erleben wir nicht mehr.
    Von daher wird das Lager immer, egal wo es ist, ein „Fremdkörper“ in der Umgebung sein. Daher macht auch PHV nicht inhaltlich Sinn.
  3. Das Lager sollte zu einer Stadt verkehrlich gut angebunden sein. Man sollte in eine Stadt und zum nächsten Bus gut hinlaufen können. Einkaufen, das Land erleben, Freundeskreise und Ehrenamtliche, Anwälte, eigene Freunde … das ist für alle Lagerbewohner sehr wichtig. Daher war bisher PHV auch nur wegen der Shuttle erträglich und das ist bei den Wolfsgärten richtig bescheiden. Verkehrliche Anbindung also enorm wichtig. Alle Aufnahmestellen in Karlsruhe sind zwar auch dezentral, aber verkehrlich wirklich gut angebunden. Ellwangen nicht, da gabs mächtigen soziale Frust.
  4. Ein Neubau zementiert ein Lager in Heidelberg für eine sehr lange Zeit. Noch sagt man, daraus soll nicht abgeschoben werden. Ich denke, das wird sich ändern. Die sogenannten Ankerzentren, wobei faktisch sind die Landeserstaufnahmestellen das fast schon, wird es – mit anderem Namen – auch in BW geben. Und ob das immer ein „Ankunftszentrum“ bleibt oder irgendwann eine normale Landeserstaufnahmestelle wird? Rechtlich ist es ohnehin kein Unterschied. Und ob die Kommune da soviel Einfluss hat? In 10 Jahren ist der weg, denn dann gäbe es ja den Bebauungsplandruck und den PHV Konversionsdruck nicht mehr.
    Und dann wird das Land auf Heidelberger Befindlichkeiten husten.
  5. Politisch ist ein solches Lager immer extrem unschön, zumindest für jeden der nicht die derzeitige Abschottungspolitik und inhumane Behandlungen von Flüchtlingen gut findet. Also warum soll man das Land beim Bau eines solchen Lagers überhaupt unterstützen?
    Sollen sie doch bauen, wo der Pfeffer wächst.
  6. Warum muss man einen Platz auf Heidelberger Gemarkung finden? Bei einem Neubau scheidet ja das Argument der eh schon da seienden Gebäude aus. Und ob die Befreiung wirklich was Gutes ist? Ich denke es ist für eine Stadtgesellschaft besser nicht einen solchen Fremdkörper sondern ganz normale zu integrierende Geflüchtete zu haben.
  7. Der geplante Bauplatz ist wirklich von der Lage bescheiden, gibt es da nichts besseres in BW ? Am Rande einer größeren Stadt wie Mannheim, Freiburg, Stuttgart? Der Platz zwischen Bahndamm und Autobahn … aber auch das ist eine landwirtschaftlich genutzte Fläche. Und man müsste ja wohl eh baurechtlich eine Sondernutzung beschließen. Denn selbst als Industriefläche wäre das ganze bisher zu abgelegen. Nachdem PHV weg ist gibt es kein Argument mehr für Heidelberg, außer das alle Mitarbeiter jetzt in der schönen Kurpfalz wohnen … und das finde ich reicht als Begründung wirklich nicht aus.

Also – meine Argumente aus der Sicht von jemandem der viele Lager und 30 Jahre Asyldebatte kennt.
Heidelberg sollte dem Land keine Alternative anbieten sondern sagen, dass wir das Lager nicht wollen. Mit dem PHV in der Flüchtlingskrise ist die Pflicht für die Stadt getan, es gibt wegen der Abschottungspolitik eh nur noch wenige die es schaffen und es gibt keinen „Notstand“ mehr bei der Erstaufnahme. Warum ist Mannheim aus der Nummer raus und HD hat den Schwarzen Peter.

Jörg

 

Antwort von Judith Marggraf vom 23. Januar 2019:

Lieber Jörg,
mit deiner Mail machst du eine große und interessante Diskussion auf.
Vorab: In einem hast du sicher völlig Recht: Es ist nicht wirklich wesentlich, ob das „Ankunftszentrum“ auf PHV bleibt oder in den Wolfsgärten neu gebaut wird. Recht hast du sicher auch mit deiner Prognose, dass HD diese oder eine solche Einrichtung dann vermutlich „gebucht“ hat. Auch richtig ist die Überlegung, ob eine Stadt nicht mit einigen (nach dem Königsteiner Schlüssel) zugewiesenen Asylbewerbern besser fährt als mit einer solchen Dauer-Einrichtung.
An drei Punkten möchte ich aber dagegen halten:

  • Wir haben seit 2016 ein ganz schön gutes Netzwerk an medizinischen, Betreuungs- und psychosozialen Hilfsangeboten aufgebaut. Das kann man nicht verpflanzen und das sollte man auch, im Interesse der Ankommenden, stützen.
  • Ein Neubau muss Mindestanforderungen an Raum, Räumen, Anbindung und Qualität genügen (wir haben dazu einen Antrag gestellt). Hier ist unbedingt darauf zu achten, dass keine Billig- und Minimallösungen realisiert werden. Da hat die Stadt über das Bebauungsplanverfahren Einfluss!
  • Vor dem Hintergrund zunehmender Migrationsgründe bin ich persönlich für solche Ankunftszentren! Klar, da müssen gesetzliche Klärungen und Regeln entwickelt werden – aber wir brauchen geregelte und geschützte Ankunftsmöglichkeiten, in denen dann über das weitere Verfahren entschieden wird. Wenn wir in Heidelberg eine solche Einrichtung bieten können – so what!?

Herzlich
Judith

 

Antwort von Hans-Martin Mumm am 24. Januar 2019

Liebe alle,
ich denke nicht, dass Jörg recht hat. Nachdem Heidelberg das Ankunftszentrum auf PHV zugelassen hat, ist Heidelberg als Standort gesetzt. Daher der Vorschlag Wolfsgärten, über den wir bereits vor einem Vierteljahr informiert wurden. Da kommen wir nicht raus. Das Land könnte von der Bima ohne unsere Zustimmung ein Areal kaufen oder mieten. Unser Interesse ist, eine möglichst gute Ausstattung des Zentrums zu vereinbaren. Die Option, ganz auf ein Ankunftszentrum zu verzichten, existiert nicht. Im Moment könnte aber unsere Zustimmung zu irgendeinem Standort von Qualitätsforderungen an die Ausstattung geknüpft werden.
Gruß
HM

 

Antwort von Jörg Schmidt-Rohr vom 28. Januar 2019:

Liebe alle,
Ich möchte auf die 3 Argumente – 3 von Judith, zwei von Hans Martin – noch einmal eingehen.
Vielleicht noch einmal vorab die formale Ebene.
Ein Ankunftszentrum – und ich abstrahiere jetzt einmal vom PHV – ist eine politisch hochgejazzte Nummer, die im Zuge der sogenannten „Asylkrise“ von 2015 kreiert wurde.
In den Jahren davor, als es eben sehr wenige Flüchtlinge gab, erfüllte genau diese Funktion der Ankunftszentren die Landeserstaufnahmestelle.
Erster Anlauf, Asylverfahren und RP aus einer Hand, gemeinsame Registrierung, „theoretisch“ schnelle Entscheidung, medizinische Abklärung. Sozialbetreuung, Weiterverteilung.
Genau diese Einrichtung steht auch im Asylgesetz. Im Asylgesetz gibt es keine Ankunftszentren – übrigens auch keine „Ankerzentren“. Deswegen ist auch die Einrichtung im PHV einfach nur eine personell extrem gut ausgestattete Landeserstaufnahmeeinrichtung mit genau all den Dingen, die es früher in der Durlacher Allee 100 in Karlsruhe gab.
Nun hat Heidelberg diese Erstaufnahme bekommen. Karlsruhe wird ausdifferenziert, z.B. ist das BAMF in KA an eine andere Stelle gezogen, es wurde eine weitere LEA in der Felsstraße gemietet, in der z.B. auch die Vorführungen bei ausländischen Delegationen und die Abschiebungsvorbereitungen laufen.
Die neuen gesetzlichen Regelungen sehen vor, dass die „schlechten“ Asylbewerber – die aus den sicher Drittstaaten, -Tendenz zur Ausweitung – die der Asylanträge offensichtlich unbegründet sind etc. dauerhaft biss zur Aufenthaltsbeendigung in der Erstaufnahme bleiben müssen. Mit Arbeitsverbot und 6 Monaten keine Schule und alles was dazu gehört.

Und ich bin mir völlig sicher, das wird -auch wenn es gerade uns nicht gefällt- in den nächsten Jahren nicht besser.
Heidelberg ist in diesem großen Apparat derzeit nur ein Baustein – inzwischen ein wichtiger.
Und wenn das Land baut, werden wir alles dies dauerhaft nach Heidelberg bekommen. Derzeit behauptet die Landesregierung, dass es keine Rückführungen aus den Erstaufnahmen gibt – ist teilweise einfach gelogen. Und bis jetzt sind noch keine Verwaltungsrichter in die Ankunfts-/Erstaufnahmeeinrichtungen gezogen. In 3 Jahren keine Grünen mehr in der Regierung und es kommt.Es kommt ja schon jetzt in kleinen Scheiben unter dem Hardliner Strobel. Wer die faktischen Entwicklungen im Detail seit 2014 mitbekommt könnte verzweifeln. Die derzeit einzige „Gegenkraft ist der Fachkräftemangel der Industrie. Und dann fahren die Busse eben nicht mehr von der Felsstraße zum Baden-Airport sondern von Heidelberg. Wenig sichtbar, da gut abgelegen.

Okay – Heidelberg ist an sich nicht schlechter als Karlsruhe oder viele andere Orte. Und man könnte so ein Lager auch in ein abgelegenes Schwarzwaldtal setzen – das wäre dann noch schlimmer.
Nur, wir haben hier nur zwei sehr schlechte „räumliche“ Alternativen.
PHV halte ich, auch wenn Asyl AK und andere das für eine Lösung halten für keine wirkliche. Nicht weil es Wohnungen kosten würde oder nicht ins Image des Wissenstadtteils passen könnte. Sondern weil mir das Argument der Blockade der Entwicklung einleuchtet und vor allem weil es ein Ghetto ist. Ich benutze das harte Wort. Es ist eine sehr restriktive Einrichtung. Klar, die Bewohner dürfen raus und einkaufen etc gehen. Aber Tore, Zäune, Kontrollen, ohne einen Riesenaufwand darf kein Normalbürger rein Und ich bin überzeugt, dass dies nicht besser wird. Auch wenn ich es mir natürlich politisch nicht wünsche und für das Gegenteil arbeite, es ist so.

Und in einem neu gebauten Zentrum, das wette ich, wird das potenziert.
Ich halte es für eine völlige Illusion über das Baurecht besonders gute Bedingungen für die Flüchtlinge zu bekommen. Das Land wird eh nicht sparen, alleine um seine vielen hundert Mitarbeiter gut unterzubringen. Das einzige wirkliche Argument für Heidelberg ist ja auch, dass die jetzt alle da arbeiten und nicht so weite Arbeitswege haben sollen. Und die Zeit von Containern und Baracken ist vorbei. Das wird optisch sicher ein richtig schönes Lager. (Mir liegen heute am Holocaust Gedenktag ein paar sehr sehr böse Vergleiche auf der Zunge, aber das wäre dann wirklich sehr polemisch)

Natürlich hat das Land aktuell Kreide gefressen, denn es braucht die Verlängerung auf PHV, will vermeiden dass Heidelberg die baurechtlichen chirurgischen Instrumente auspackt. Und brauchen ja auch die Zustimmung zu den Wolfsgärten.
Aber wenn das Ding mal steht ist es vorbei.Und es steht für einen sehr langen Zeitraum, da es dann kein Provisorium wie PHV ist.
Und die Wolfsgärten sind nun mal ein extrem bescheidener Ort, weil die äußere Lage noch die Isolation und den Lagercharakter verstärkt. So ein Zentrum muss nicht neben seinem Zaun noch Autobahnen und Bahnlinien als weitere Abschottung haben.Den Lärm bekommt man vielleicht technisch ein Stück in den Griff – aber da wird es wegen der Kosten Kompromisse geben müssen- aber die schlechte Lage kann man nicht verändern.
Es gehört an eine verkehrlich gut angebundene Peripherie einer Großstadt.
@ Hans Martin – Warum kommt Heidelberg aus der Nummer nicht raus und muss die Wolfsgärten anbieten ? Mannheim kam doch auch aus der Nummer raus. Und die haben viel viel mehr Platz.
PHV gibt es Zusagen und Verträge, oder?
Steht da drin, dass Heidelberg einen Platz für ein Ankunftszentrum stellen muss?
Und dass die BIMA dem Land einen Teil von PHV überlässt wäre gegen alle Absprachen und ist doch auch politisch kaum durchsetzbar. Und wenn das Land da bleibt wo es ist sind alle Pläne für das PHV tot und wenn sie es innerhalb des PHV verlegen haben sie die gleichen Baukosten und den gleichen Aufwand und brauchen auch ewig.Allein weil es keine Entlastung auf dem Wohnungsmarkt gäbe, was ja auch politisch „theoretisch“ alle Ebenen für Heidelberg als notwendig anerkennen.

Soweit mal.
Von daher ist der Beschluss, soweit er in der RNZ stand, erst mal weiter zu prüfen, dem Land auch zu sagen sie sollen auch anderswo suchen und die Nachteile beider Lösungen zu benennen ein richtiger.
Mal soweit
Jörg

 

Antwort von Judith Marggraf vom 1. Februar 2019:

Hi Jörg,
mich verwirrt und beschäftigt deine Vehemenz, mit der du für oder gegen was eigentlich argumentierst.
Es scheint mir doch um Folgendes zu gehen: Behält HD wo auch immer dieses Ankunftszentrum, haben wir de facto eine LEA (Landeserstaufnahmestelle) und das vermutlich auf unbestimmte Zeit.
Lehnt die Stadt das ab (mit dem Risiko, dass Land und BIMA dann doch eine Fläche des PHV okkupieren), werden wir wieder Zuweisungen nach dem Königsteiner Schlüssel haben.
Aus meiner Sicht bedeutet das auch eine Entscheidung zwischen für die Stadtgesellschaft wenig folgenreicher „Erstankunft“ und einem Engagement für Integration. Eine Option, bei der es aus meiner Sicht eher um die Integrationsaufgabe gehen sollte, zumal in unserer Stadt das „Klima“ dafür positiv ist. Alles eigentlich eine einfache Entscheidung.
Was mir überhaupt nicht klar ist: Die Zahlen der Ankommenden sind ja extrem zurück gegangen – warum kann Karlsruhe das nicht wieder stemmen? Technik und Expertise aus HD könnten doch sicher problemlos verlagert werden…
Danke auch hier für deine kompetente Erklärung!
Judith

 

Antwort von Jörg Schmidt-Rohr vom 1. Februar 2019:

Nur kurz
Karlsruhe könnte das jetzt nicht mehr so einfach, weil sie die Strukturen in Karlsruhe dezentralisiert haben. RP jetzt komplett in der Durlacher Allee mit vielen Sachbearbeitern, die „alle “ Geflüchteten in BW „betreuen“- also z.B. alle Abschiebungen machen. Mit großem zweiten Gebäude in der Felsstraße, am anderen Ende von Karlsruhe. Das BAMF ist in die Pfitzerstraße gezogen etc.
Sie haben diese Struktur der einheitlichen Bearbeitung in den letzten 2 Jahren aufs PHV konzentriert.
Sonst wäre es schon seit ca. 1 Jahr überflüssig, wenn sie noch so arbeiten würden wie vor der „Welle“.

Aber sonst hast du recht. Königsteiner Schlüssel ist zwar zwischen den Bundesländern aber der BW Verteilerschlüssel des IM/RP ist ähnlich.
Für Heidelberg wäre es inhaltlich am besten einfach ganz normal Flüchtlinge zugewiesen zu bekommen und mit denen umzugehen.
Und es sollte keine Lager mehr geben, aber es wird sie geben und wenn es sie schon geben muss (weil es politische Mehrheiten wollen) dann nicht in einer so ausgrenzenden Lage wie den Wolfsgärten.

Aber wie gesagt, die kritische Haltung des Ausschusses und des GR sind da richtig.
Und dass sie uns politisch mit dem PHV erpressen können kann ich mir schwerlich vorstellen.